Michael Wollny

Michael_solo

Michael Wollny solo

Michael Wollny hat das einmal so beschrieben: Als Musiker – zumindest bei ihm ist das so – richtet man sich eine innere Klangbibliothek ein, die immerzu mit neuen Schätzen, mit allen möglichen Archivalien und wertvollen Exponaten bestückt wird. Vermutlich hat diese Klangbibliothek die Tendenz zu unübersichtlicher Ausdehnung. Deshalb dürfte es darin verschiedene, mehr oder minder inventarisierte Abteilungen geben. Nur der Bibliothekar selbst kennt die Prinzipien der Anordnung. Er kann sich – dem das Augenlicht verlierenden Jorge Luis Borges in der Argentinischen Nationalbibliothek gleich – blind zurechtfinden. „Wenn man improvisiert, geht man in seiner Klangbibliothek spazieren“, sagt Michael Wollny. Man nimmt sich hier einen Ton aus dem Regal, dort eine rhythmische Figur, und im Raum nebenan eine Harmoniefolge. Nicht immer weiß man, wo die einzelnen Elemente jeweils herstammen – zuweilen aber schon. Und weil man all diese Klänge in sich kennt, gelingt es überhaupt, sich wieder von ihnen frei zu machen. Improvisation bedeutet Spiel mit Vorhandenem, um etwas Neues entstehen zu lassen. Der Geist muss fortwährend gefüttert werden, damit die Kreativität sich regt. Über diese innere Klangbibliothek zu verfügen ist umso wichtiger, wenn man nicht – wie im Duo, im Trio oder anderen Konstellationen – von außen angeschubst und in eine Richtung gelenkt werden kann. Alleine am Flügel auf der Bühne oder im Studio zu sitzen, hat eine fast schon mythische, zumindest aber abgründige Dimension: „Wenn einem nichts mehr einfällt, ist Ruhe.“ Es wäre also von Vorteil, dass einem etwas einfällt. Deshalb gibt es Regieanweisungen für die Hände, wie Wollny das umschreibt, gesammelt in einem „Book of Sounds“, ebenfalls ein Bestandteil dieser inneren Klangbibliothek. Vielleicht herrscht kein größerer Moment der Wahrheit in der improvisierten Musik, als am Beginn eines Sets durch die Setzung eines bestimmten Tons einen Hallraum entstehen zu lassen, in dem nun eins aufs andere folgen kann – und wenn es zunächst das Zupfen einer einzelnen Saite im Korpus ist. Improvisation ist ein vorbewusster Prozess. Man kann nicht nur nicht lange nachdenken, sondern eigentlich gar nicht. Entscheidungen fallen auf Basis von Erfahrenem und Erinnertem intuitiv. Umso wichtiger ist es, die Bausteine, die es braucht, parat zu haben. Gerade bei der Solo-Improvisation gebiert eine an den Anfang gestellte Idee die nächste, und die große Kunst besteht darin, diese Ideenkette nicht abreißen zu lassen und sie als eine dem Augenblick verpflichtete Notwendigkeit begreifbar zu machen. Michael Wollny ist nicht nur als Akteur in Bands, sondern auch als Solopianist in diesem Sinne ein Ideenverschwender: Er geht großzügig mit dem, was sich bewusst oder unbewusst im Innern angesammelt hat, um. Es war ein aufregender, gewiss auch wagemutiger Schritt, als sich Wollny im Jahr 2006 auf die Insel Gotland zurückzog, um sich hörend, lesend und Filme schauend auf sein Solo-Debüt vorzubereiten. Das fand kurz darauf bei der JazzBaltica statt – in illustrer Gesellschaft von Brad Mehldau oder Kenny Barron, die ebenfalls auf dem Line-up des Festivals standen. Kein Jahr später erschien sein Soloalbum „Hexentanz“, auf dem eine dunkel gefärbte, eigensinnige und sinnliche Auseinandersetzung mit den schaurig-schönen Seiten der Romantik stattfindet. Als „Gothic Music“ hat Wollny die Platte charakterisiert. Wie fast alle seine Werke wurde auch dieses mit Preisen ausgezeichnet. Seither kann man Michael Wollny immer wieder bei Solokonzerten erleben. Und jedes Mal sind das grandiose Momente der Wahrheit.

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Michael Wollny Trio

Das Duo, schrieb der Musikjournalist Hans-Jürgen Linke einmal, sei eine vertrauensbildende Maßnahme. In der Tat: Mit dem Duo entsteht eine inspirierende Ordnung oder eine intendierte Unordnung. Man kann sich – unabgelenkt – in die Augen schauen. Lesen, was der andere von einer Idee hält; die Idee des anderen wiederum lesen und weiter- oder überschreiben. Immer ist es jedoch ein direkter Bezug, eine Linie, die zwischen A und B gezogen werden kann, zwischen zwei Polen, zwischen zwei Instrumenten. „Aber wehe, es kommt ein Dritter dazu, der gleichberechtigte Anteilnahme fordert“, fährt Linke fort. „Das wird kompliziert. Das treibt die Reaktionsfähigkeit, die Geistesgegenwart eines jeden an den Rand des Machbaren.“ Dreiecksgeschichten sind von einer geradezu perfiden Unberechenbarkeit; sie erfordern eine unbedingte Liebe zur Geometrie. Zwei können sich fortan gegen einen verbünden; ein Einzelner kann die Zweisamkeit der beiden andern stören. Man kann sich wechselseitig triezen, kitzeln, aber auch umarmen und antreiben. Langweilen werden die drei sich miteinander jedenfalls nicht. Jeder muss auf der Hut sein. Dreiecksgeschichten sind die spannenderen Abenteuer, in der Liebe und in der Musik. Das Spiel wird riskanter. Es kann sehr schief gehen. Es kann zu einem gloriosen Triumph werden, wenn man offenen Auges darauf vertraut, dass auch die beiden Mitspieler das Risiko dem routinierten Gleichklang vorziehen. Man glaubt, das gute alte Trio würde inzwischen längst an die Grenzen seiner formalen Möglichkeiten gestoßen sein – aber das ist natürlich ebenso großer Unsinn wie die Behauptung, man könne mit 26 Buchstaben nichts Neues mehr ausdrücken, weil das Alphabet so statisch sei. Es geht schließlich um Kombinatorik, Fantasie, auch ein bisschen Größenwahn, wenn man etwas Ungehörtes hörbar machen will. Michael Wollnys [em] wurde von Anfang an – also seit dem Jahr 2005, als das ACT-Debüt „call it [em]“ erschien – eine furiose Spiellust und Unvorhersehbarkeit nachgesagt. Dieser wohlwollenden Nachrede ist die Band von Album zu Album mehr gerecht geworden. Es gab in der letzten Zeit wenige Musiker, die sich gegenseitig so angestachelt, die dynamischen Möglichkeiten, die aleatorischen Momente, die unbewussten Kommunikationsabläufe innerhalb eines Trios so vehement zu nutzen verstanden haben. „Schönheit durch Konfusion, Wahrheit durch Kollision“ – ein sehr passendes Zitat des Künstlers Daniel Richter, das Michael Wollny den Liner Notes des Albums „Wasted & Wanted“ voranstellte. Jeder Musiker suche den wahren Moment, heißt es da weiter. „Für Jazzmusiker existiert er immer dann, wenn wir es schaffen, ihn nicht ständig mit Kopf und Willen einzukreisen. Musik ist in all den Ritzen, in denen die Konvention sie nicht haben will.“ Eva Kruse am Bass, Eric Schäfer am Schlagzeug, Michael Wollny am Klavier kriechen in diese Ritzen. Sie sind nicht nur drei Virtuosen, sondern jeder für sich dazu noch Komponist, Arrangeur und Umgeher von Konventionen. Wie sich diese Dreierbande gegenseitig reizt und aufheizt und trotz der langen gemeinsamen Wegstrecke immer wieder neue Interaktion hervorbringt, lässt sich auf inzwischen fünf [em]-Alben nachhören. „Weltentraum“, die sechste Trio-Platte, erschien 2014, und neu ist daran erst einmal die Besetzung, die einen nuanciert anderen Ton ins gemeinsame Spiel eintriggern lässt: Weil Eva Kruse in Babypause ist, nimmt im neu formierten Trio der US-Amerikaner ihre Position im Dreieck ein – ein Bassist, dessen Spiel voluminös, kraftvoll und groovig ist und doch nie aufdringlich und der wunderbar zu diesem konzentrierten, energetisch aufwühlenden Klangkörper passt. „Weltentraum“ trägt den Geist der Romantik ebenso in sich wie die Lust an der erkenntnissüchtigen Durchdringung von sehr unterschiedlichen, aber inneren Zusammenhalt beanspruchenden Stücken: Gustav Mahler findet sich im Titel „Weltentraum“ zitiert, wir treffen auf Alban Berg, auf Volkslieder der frühen Romantik und sogar der spätesten Schauerromantik (aus einem David Lynch-Film). Wolfgang Rihm wird im Vorbeigehen gegrüßt, Friedrich Nietzsche und Guillaume de Machaut verschlägt es ebenfalls auf diese Platte. Die verschiedenen „Gäste“ werden vom Trio so innig in Empfang genommen, dass aus den „fremden“ Liedern eigene werden. “Am Anfang der Aufnahme stand ganz nüchtern die Idee, eine CD zu machen, die auch ‘My Standards’ hätte heißen können“, sagt Michael Wollny. „Songs zu suchen, die, banal gesprochen, mit mir und mit uns in Verbindung stehen und zu mir und zu uns sprechen. Songs, die wir zum Leben erwecken können und die so eine Art Kanon sind – wichtige Songs, die eine Geschichte erzählen und wie Standards behandelt werden. Ich interessiere mich vor allem für Lieder. Lieder und Gedichte – auch in der europäischen Tradition -, die ein sinnvoller Ausgangspunkt für Trio-Versionen sind”. Man sieht: Wie Jazz hat die Romantik mehr mit einer bestimmten Haltung zum Material als mit einer Epoche zu tun. Das klassische Trio – nun auch mit dem klassischen Namen Michael Wollny Trio – bewegt sich mit einem großen Reichtum an stilistischen Variationsmöglichkeiten und Intensitätsgraden traumwandlerisch zwischen den Zeiten – und landet bei zeitloser Musik im Hier und Jetzt.

Wunderkammer

Wunderkammer / Wunderkammer XXL

Michael Wollny / Tamar Halperin

In dem Dokumentarfilm „Pianomania“, der von der Kunst des Klavierstimmens handelt, gibt es eine schöne und auf gewisse Weise aufschlussreiche Szene. Alfons Huber, ein Experte für Clavichord und Cembalo, spricht darin mit dem Klavierstimmer Stefan Knüpfer über die Unterschiede zwischen den verschiedenen Tasteninstrumenten. Ein moderner Konzertflügel sei eine faszinierende Musikmaschine, meint Huber. Lautstärke aber gehe immer einher mit einer Verarmung an Farbe. „Eine Maschine“, so Huber mit einem geradezu leidenschaftlichen Ernst, „die so aggressiv ist, dass ich ihr nicht einmal das, was sie zum Singen bringt, die Saite, ohne mich blutig zu machen, aufziehen kann, oder wo ich zum Transportieren drei Leute brauche, hat für mich eine gewisse unmenschliche Dimension bekommen.“ Das ist eine steile, wenn gewiss auch nicht ganz haltbare These. Dass sich allerdings Flügel und Cembalo, Celesta und Harmonium auf prächtigste Weise verstehen, sich gegenseitig befruchten, eine magische Liaison eingehen können, das beweisen Michael Wollny und die israelische Cembalistin Tamar Halperin auf ihrem Album „Wunderkammer“. Der Dialog aus dem Jahr 2009 enthält ausschließlich Eigenkompositionen von Michael Wollny, die – schwebend zwischen Jazz und Minimal Music – eine vibrierende Intensität entwickeln und großen klanglichen Reichtum entfalten. In dieser Wunderkammer öffnen sich immer neue „Kabinette“, man bewegt sich durch verschiedene Klangsphären, durch sanfte Echoräume musikalischer Überlieferungen, die Wollny in seinen eigenständigen, unverkennbaren Soundkosmos überträgt. Für die virtuose, feinsinnige, farbenreiche Aufnahme wurden Michael Wollny und Tamar Halperin viel gepriesen, Wollny bekam in der Folge den ECHO als bester Pianist zugesprochen.

Dass das Wunderkammer-Projekt nicht nur in den Arbeiten Wollnys einen Sonderplatz einnimmt, sondern auch faszinierende Anschlussmöglichkeiten liefert, zeigte sich drei Jahre später: Beim Deutschen Jazzfestival Frankfurt am Main wurde die „Wunderkammer“ am 27. Oktober 2012 zu einem richtigen Wundersaal. Zusammen mit der hr-Bigband unter Leitung von Jim McNeely führten Wollny und Halperin die Stücke live auf. Die komplexen Orchesterarrangements von Jörg Achim Keller gestalteten die Kabinette des Michael Wollny noch einmal ganz neu aus, fassten die ausgereiften Kompositionen wunderbar kompakt ein, gaben ihnen weitere rhythmische Qualitäten und klangliche Dimensionen. Die Frankfurter Rundschau sprach von einem „faszinierenden Wechselspiel zwischen sachtem Tastenzauber und inspiriertem Ensemblespiel“ – Filigranität und Breitwandsound. Das Publikum in Frankfurt hatte man in der 60-jährigen Geschichte des Jazzfests selten so begeistert erlebt, 20 Minuten währte der Applaus – rekordverdächtig. Das Konzert wurde 2013 als „Wunderkammer XXL“ auf ACT veröffentlicht. Die englische Tageszeitung Guardian meinte, die ursprüngliche “Wunderkammer” habe sich „from an understated sound-voyage of tick-tocking piano motifs, pinging glockenspiels and regal harpsichords into a rousing concerto” verwandelt. Das Großartige daran ist: In der Musik von Michael Wollny sind all diese Möglichkeiten des Weiterschreibens, Interpretierens und der stetigen Verwandlung schon enthalten. Mit der „Wunderkammer“ brilliert Wollny nicht nur als Interpret, sondern mehr noch als Komponist.

Michael Wollny und Heinz Sauer Duo

Michael Wollny und Heinz Sauer Duo

Natürlich, der Altersunterschied. Jeder spricht davon, dass der eine der Großvater, der andere sein Enkel sein könnte. Aber was das wirklich aussagt? Nichts über das kreative Potential, das so eine Konstellation entfalten kann. Nichts über die Leidenschaft, die zwischen individuellen Könnern entsteht, zumal im Jazz, der immer aus der Spannung von Tradition und Innovation, Überlieferung und jugendlichem Übermut seine ungewöhnlichen Resultate schafft. Heinz Sauer wurde 1932 geboren, Michael Wollny 1978. Zwei Musiker, zwei Instrumente. Zwei Geschichten freilich auch. Entscheidend ist, dass die beiden Instrumentalisten einen gemeinsamen Raum finden, in dem sie sich bewegen und wohlfühlen können. In dem sie einander diese Geschichten erzählen können. In dem dann aber auch der Altersunterschied als oberflächliche Wahrnehmung keine Rolle mehr spielt, sondern höchstens als eine substanzielle, das Material betreffende Qualität: Denn hier sind selbstverständlich zwei Musiker mit unterschiedlichen Generations- und Spielerfahrungen, mit verschiedenen Sozialisationshintergründen, mit je eigenen Tonarchiven. Diese Archive gegenseitig zu erschließen, auszutauschen, zu ergänzen ist der große Reiz einer solchen Begegnung. Jeder Begegnung. Ob nun 46 Jahre zwischen den Protagonisten liegen oder zwei. Und es wäre falsch zu glauben, nur der Jüngere profitiere hier von den Erfahrungen des Älteren. Der Energie- und auch Wissenstransfer verläuft immer in beide Richtungen. Das merkt man diesem Duo an. Und jeder Auftritt, also auch jedes bestandene Abenteuer, bringt diese zwei Musiker näher zusammen.

Getroffen haben sich der Tenorsaxophonist Heinz Sauer und der Pianist Michael Wollny bereits im Jahr 2000. Wollny stellte sich damals dem Jazzensemble des Hessischen Rundfunks vor. Sauer, eine Legende an seinem Instrument, wurde auf den jungen Jazzer aufmerksam. Es folgte der erste gemeinsame Gig, der etwas wirklich Beglückendes gehabt haben muss – denn seither sind bis auf den heutigen Tag viele weitere gefolgt, die musikalische Interaktion ist nicht abgerissen: Dokumentiert ist die fruchtbare Zusammenarbeit auf den Alben „Melancholia“ (2004), „Certain Beauty“ (2006) und „If (Blue) Then (Blue)“ (2010, mit Joachim Kühn als zweitem Duo-Partner von Sauer), zudem auf der Live-Platte „Don’t Explain“ (2013). Das warme, melancholische, mäandernde Spiel Heinz Sauers und der verschiedenste Stimmungen evozierende Klangreichtum Michael Wollnys machen aus eigenen Stücken sowie aus Kompositionen von Thelonious Monk, Bill Evans, Billy Strayhorn oder Albert Mangelsdorff, aber auch aus solchen von Prince oder Björk Miniaturen des zeitgenössischen Cool – ein Dialog entsteht, der intim verschiedene Idiome zu einer eigenen, unverkennbaren Sprache verschmilzt. Das Geheimnis des Zusammenspiels der beiden hat Michael Wollny selbst einmal so erklärt: „Die Kontrolle aus der Hand geben und sehen, was passiert.“ Im Jazz ist dieses Credo nie verkehrt; aber selten geht es so schön auf wie bei diesen beiden Improvisationsmeistern.

Michael_Marius

Michael Wollny und Marius Neset

Wer 1986 geboren ist, schleppt noch nicht allzu viel eigene Geschichte mit sich herum. Oder anders gesagt: Er nähert sich der reichen Geschichte eines Genres anders, pflegt einen vielleicht etwas entspannteren Umgang mit der Tradition. Der Saxophonist Marius Neset also, noch keine 30 Jahre alt, gilt seit seinem Debüt „Golden Xplosion“ (2011) nicht mehr nur in Norwegen als der kommende Star; er ist einer, der kaum vom vorauseilenden guten Ruf der skandinavischen Jazz-Szene profitieren muss, weil er sich längst schon durch seine kompositorische Eigenständigkeit und seine improvisatorische Fantasie eigene Meriten erworben hat. Der Musikkritiker Ulrich Kriest schrieb, Neset agiere „mit der Wucht eines Michael Brecker und der Dynamik eines Charlie Parker, soliert rhythmisch komplex minutenlang unter Verzicht auf Melodik und scheint durch Obertöne und Registersprünge mehrere Saxophone gleichzeitig zu spielen“. Dabei wirke er noch lässig und cool. Die Süddeutsche Zeitung sieht mit ihm eine „neue Dimension“ des Saxophonspiels aufkommen. Siggi Loch, Betreiber des Labels ACT, hat das wohl ähnlich empfunden und ihn unter Vertrag genommen.

Eine neue Dimension, dazu äußerst lässig und extrem cool – so ließe sich auch das Zusammenspiel von Michael Wollny und Marius Neset beschreiben. 2012 standen die beiden zum ersten Mal auf Schloss Elmau auf der Bühne. Sie verbindet nicht nur das gemeinsame Label, sondern ganz ähnliche ästhetische Vorstellungen und Möglichkeiten: Beide sind schnell. Nicht nur schnell im Sinne von virtuos und filigran und technisch ausgereift. Sondern schnell im Kopf. Und diese Schnelligkeit hat nicht unbedingt mit Denken zu tun, sondern mit dem intuitiven Erfassen einer Situation. Mit einer Lust an der Spontaneität, die waghalsige Richtungswechsel sekundenschnell zulässt. Mit der Fähigkeit, den unvorhergesehenen Einfällen des anderen zu folgen und ihn zugleich mit einem eigenen Einfall zu überraschen. Die Überraschung wiederum als Glücksfall für die eigene Produktivität zu begreifen. Das Begreifen förmlich als Greifen. Zwei Musiker auf der Bühne fällen fortwährend Entscheidungen, die im besten Fall zu Korrespondenzen führen. Das Ziel: komplette Offenheit, die auch wunderbare Verwirrungen und instruktive Missverständnisse einschließt. Das alles funktionierte beim ersten Auftritt der beiden so prächtig, dass man die Zusammenarbeit seither weiterverfolgt, sich immer wieder zu gemeinsamen Gigs verabredet. Michael Wollny und Marius Neset „vereint Energie, Virtuosität und Klangbewusstsein“, befand der Deutschlandfunk anlässlich eines solchen Duo-Konzertes, „vor allem aber eine Kreativität, die sich immer wieder Wege jenseits des Üblichen sucht.“ Man darf gespannt sein, wohin diese Wege noch führen werden.